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Predigt von
http://www.mr-ortenberg.de/mp3predigten.html
18.06.06 - "Das Jesus-Geheimnis"
“Wir stecken mitten in einem Krieg, um ein so mächtiges Geheimnis zu bewahren, das – wenn es enthüllt würde – die Fundamente der Menschheit einstürzen ließe.“, so hieß es vorhin im Film-Trailer. Und teilweise hat man wirklich den Eindruck: Auf den Philippinen drohen Kinobetreibern, die das Sakrileg zeigen ein Jahr Gefängnisstrafe. In China hat die katholische Kirche zum Boykott gegen den Film aufgerufen. In Russland wurden Filmplakate vor den Kinos verbrannt und orthodoxe Christen ebenso wie muslimische Verbände forderten ein Verbot des Films. Ungeachtet dessen wurden inzwischen 50 Millionen Exemplare des Sakrilegs verkauft, mehr als von jedem anderen Roman zuvor. Seit zwei Jahren ist es in den Bestsellerlisten. Allein in Deutschland waren inzwischen 5 Millionen Menschen im Kino um den Film zu sehen. Auch in der 6.Woche ist er immer noch der meistbesuchte Film in Deutschland. Für alle, die es weder gelesen noch im Kino gesehen haben, möchte ich zu Beginn mal kurz erzählen, worum es in Geschichte nun eigentlich geht. Das Sakrileg ist zunächst einmal ein –wie ich fand – sehr spannend geschriebener Kriminalroman. Zu Beginn wird der Direktor des Pariser Louvre ermordet und er kann gerade noch seiner Enkelin eine Spur von geheimnisvollen Hinweisen hinterlassen. Diese Enkelin entschlüsselt dann diese Hinweise in Kunstwerken Leonardo a Vincis gemeinsam mit einem Symbolforscher namens Robert Langdon. Schließlich stoßen sie auf das bisher von einer Bruderschaft gut gehütete Geheimnis, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet gewesen war, und dass sie ein gemeinsames Kind hatten, deren Nachfahren auch heute noch am Leben sind. Und diese Tatsache, dass es also bis heute Menschen gibt, die mit Jesus von Nazareth blutsverwandt sind, das sei der eigentliche Heilige Gral der Menschheit. Jesus selbst sei zwar eine inspirierende Persönlichkeit gewesen, aber er hatte nichts Göttliches, er war nur ein normaler Mensch gewesen, der am Kreuz sein Ende gefunden hat. [Der Grundriss des Folgenden und auch manche Formulierungen lehnen sich an eine Predigt von John Ortberg auf www.willowcreek.de an.] Laut SAKRILEG wurde also Jesus ursprünglich nicht als Gott angesehen. Erst dreihundert Jahre nach seinem Tod soll es dem römischen Kaiser Konstantin gelungen sein die Verehrung Jesu als Gott durchzusetzen, weil er für das römische Reich einen neuen zentralen Kult brauchte. Dazu soll Kaiser Konstantin viele uralte Dokumente unterdrückt haben, die angeblich die wahre Geschichte erzählen. Er soll dafür gesorgt haben, dass aus einer Fülle von Schriften über Jesus nur die vier Evangelien, die wir kennen, offiziell verbreitet wurden, und dass Jesus somit als Gott proklamiert werden konnte, obwohl es viele andere Schriften gegeben haben soll, die das anders dargestellt haben. Weiterhin sagen die Romanfiguren in dem SAKRILEG, dass es das Vorhaben Jesu war, Maria Magdalena zum Oberhaupt der Kirche zu machen. Die männlichen Jünger und ihre Anhänger haben das dann aber ausgebremst, nachdem Jesus tot war. Die frühe Kirche und die neutestamentlichen Schriften, so, wie wir sie kennen, sollen dann ganz massiv versucht haben, Jesu Ehe zu verschleiern um damit Männern die Kontrolle der Kirche zu ermöglichen. Das „SAKRILEG“ reißt eine Menge Themen an, die man in einer halben Stunde nicht erschöpfend behandeln kann, aber ich denke, die drei wesentlichen Fragen sind Folgende: 1. Die BIBELFRAGE: Gründet sich der christliche Glaube auf zuverlässige Dokumente? 2. Die FRAUENFRAGE: Hat das frühe Christentum Frauen unterdrückt? 3. Die JESUSFRAGE: War Jesus tatsächlich ein göttliches Wesen?
Beginnen wir also mit der BIBELFRAGE: 1. Hat unsere christliche Sicht von Jesus wirklich festen Boden unter den Füssen? Ist unser Christsein auf Wahrheit gegründet oder wurden wir bewusst in die Irre geführt? Oder anders gefragt: Können wir der Bibel vertrauen? Gab es nicht wirklich noch andere authentische Quellen über Jesus, die man uns bewusst vorenthalten hat? Einer der Charaktere im SAKRILEG sagt folgendes: „Es gab mehr als achtzig Evangelien, die für das neue Testament zur Auswahl standen, dennoch kamen nur vier zum Zuge. ... Das Neue Testament, wie wir es heute kennen, geht auf den heidnischen römischen Kaiser Konstantin den Großen zurück. (S.318) ... Unser heutiges Neues Testament wurde von Männern zusammengestellt und herausgegeben, die eine politische Absicht damit verbunden haben. Zur Untermauerung ihres eigenen Machtanspruchs musste aus dem Menschen Jesus Christus der Sohn Gottes gemacht werden. (S.323)“ Die Frage ist also: Wie ist eigentlich das Neue Testament entstanden? Um es kurz zu machen: Alles, was wir über Jesus wissen wurde von den Augenzeugen zunächst mündlich weitererzählt, bis es dann nach und nach von ihnen aufgeschrieben wurde. Das dauerte ein paar Jahrzehnte. Je länger es aber dauerte, desto mehr Leute kamen auf die Idee, sie könnten auch mal etwas über Jesus schreiben, auch wenn sie keine Augenzeugen waren. Sie dachten sich einfach Geschichten über Jesus aus. Und sie verschmolzen sie mit einer damals sehr populären esoterischen Weltsicht, der so genannten Gnosis. So sind in den ersten Jahrhunderten tatsächlich noch viele andere Dokumente über Jesus geschrieben worden, und die sind auch keineswegs irgendwie geheim, die kann man in jedem Buchladen kaufen. Und wenn man sich diese so genannten gnostischen Evangelien, durchliest, unterscheiden sie sich tatsächlich sehr stark von dem, was wir im Neuen Testament haben. Allerdings hatten fast alle diese Schriften absolut kein Problem damit, dass Jesus ein göttliches Wesen gewesen sein soll, sondern im Gegenteil, die meisten dieser Schriften zweifeln viel eher an, dass er ein richtiger Mensch war und einen echten Körper aus Fleisch und Blut hatte. Wie dem auch sei: Die Leiter der Urkirche merkten mit der Zeit, dass es für Gemeinden wichtig sein würde, zu wissen, welche Schriften als zuverlässig und genau angesehen werden konnten und welche nicht. Darum entwickelten sie Kriterien, durch die jeder einfache Christ selber entscheiden können sollte, ob eine Schrift wirklich die Wahrheit über Jesus sagt. Das erste Kriterium war, ob das Dokument wirklich von einem Augenzeugen also einem Apostel, geschrieben worden ist. Wer etwas über Jesus behauptet, der muss das selbst gehört und erlebt haben oder seine Informationen wenigstens aus diesem Kreis der Augenzeugen bezogen haben. Die vier Evangelien im Neuen Testament erfüllen dieses Kriterium. Das Matthäusevangelium wurde von dem Steuerbeamten Levi geschrieben. Er war ein Jünger Jesu. Markus war ein enger Mitarbeiter des Jüngers Petrus, Lukas war ein guter Freund des Apostels Paulus, er scheint auch viel von Maria, der Mutter Jesu erfahren zu haben. Und das Johannesevangelium wurde vom Jünger Johannes geschrieben, vielleicht dem engsten Vertrauten, den Jesus hatte. Innerhalb von 30-50 Jahren nach Jesu Tod haben diese vier Leute ihre Evangelien geschrieben, nachdem vorher alles mündlich auswendig weitergegeben wurde. Das war also ungefähr so, wie wenn Uwe Seeler heute noch einmal für alle Zeiten genau aufschreiben würde, wie er das Wembley-Tor beim Endspiel 1966 erlebt hat. Mit anderen Worten, das Neue Testament wurde geschrieben während viele Augenzeugen noch am Leben waren, die Ungenauigkeiten hätten anfechten können. Das „Sakrileg“ sagt nun, dass ´zig Bücher über das Leben Jesu geschrieben worden seien, die später alle unterdrückt wurden. Die Realität ist aber, dass alle diese anderen Bücher viel später geschrieben wurden. Aus der Zeit der Augenzeugen, aus dem 1.Jahrhundert, gab und gibt es nur diese vier Schriften über Jesus: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Alle anderen haben sich erst dann getraut irgendetwas über Jesus in die Welt zu setzen als alle Augenzeugen schon tot waren. Alle diese anderen Schriften über Jesus sind mindestens 100 Jahre nach Jesu Tod entstanden, die meisten erst Jahrhunderte später. Die Bücher erhielten dann oft absichtlich irreführende Namen wie „Maria-Evangelium“ oder „Petrus-Evangelium“. Damit sollten sie zuverlässig nach Augenzeugen klingen, aber sie wurden erst sehr viel später geschrieben. Und deswegen hatten die ersten Christen ein zweites Kriterium um zu unterscheiden, ob eine Schrift wirklich richtig von Jesus berichtet. Man sollte sich einfach umhören, ob diese Schrift in den meisten christlichen Gemeinden akzeptiert wurde. Wenn also im Jahr 200 jemand das „Evangelium der Maria Magdalena“ auf den Markt brachte, dann fragten die Christen einfach rum, ob die anderen Gemeinden schon davon gehört hatten, und wenn nicht, dann konnte man ziemlich sicher sein, dass es nicht wirklich von der Augenzeugin Maria schon vor 170 Jahren verfasst worden war. Nun konnte es natürlich trotzdem theoretisch sein, dass eine Augenzeugenschrift lange Zeit verschollen war und erst nach 200 Jahren gefunden wird. Deswegen führten die Christen noch ein drittes Kriterium ein und das hieß, dass der Inhalt des Buches im Einklang sein musste mit der Lehre Jesu, so, wie sie seit Langem schon mündlich weitergereicht worden war. Wenn wir also heute ein angebliches Buch von Fritz Walter finden würden in dem es heißt, dass 1954 beim Wunder von Bern gar nicht Helmut Rahn, sondern er, Fritz Walter, das entscheidende 3:2 geschossen hätte, dann würden wir alle sagen: So ein Quatsch, eine Fälschung! Alle bisherigen Dokumente und vor allem alle noch lebenden Augenzeugen sagen etwas anderes! Und genauso prüften die ersten Christen all die anderen Evangelien, die im Laufe der Zeit geschrieben wurden und da fiel es oft wirklich nicht schwer zu erkennen, dass das nichts mehr mit dem wirklichen historischen Jesus zu tun hatte. So heißt es z.B. in einer Schrift namens Pistis Sophia (also „Glaubens-Weisheit“) (1,1). „Es geschah aber, nachdem Jesus von den Toten auferstanden war, da verbrachte er 11 Jahre indem er sich mit seinen Jüngern unterredete“ Das haben die Gemeinden gleich gemerkt, dass sie dieses Buch nicht ernst nehmen mussten. Sie wussten von den Augenzeugen, dass Jesus nach seiner Auferstehung nur noch 40 Tage sichtbar anwesend war. Die vier Evangelien und die anderen Bücher im Neuen Testament waren also die einzigen, die von Augenzeugen verfasst wurden, die allgemein in den Gemeinden akzeptiert waren und die nach Meinung aller Christen mit dem übereinstimmten, was Jesus wirklich gesagt und getan hatte. Die Vorstellung, dass das Neue Testament, das wir heute haben, für politische Zwecke im Jahre 325 von Kaiser Konstantin von oben herab den Gemeinden aufgedrückt wurde, stimmt einfach nicht. Das Neue Testament wie wir es kennen, hat sich einfach durchgesetzt, und die vier Evangelien, die standen schon Mitte des 2.Jahrhunderts in allen Gemeinden fest. Ein Theologe namens Origenes schrieb 100 Jahre vor Kaiser Konstantin bereits: „Die vier Evangelien“, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, „sind die einzigen unumstrittenen in der gesamte Kirche Gottes auf der ganzen Welt.“ Von daher würde ich auf die BIBELFRAGE ganz klar antworten: Ja, unsere Sicht von Jesus hat tatsächlich festen Boden unter den Füßen. Das, was wir im Neuen Testament haben, sind selbst nach der Meinung von atheistischen Historikern die stichhaltigsten Quellen über Jesus von Nazareth, an die keine späteren Schriften herankommen.
2. Kommen wir zum zweiten Punkt, der FRAUENFRAGE: Hat das frühe Christentum Frauen aus der Macht gedrängt? Das Sakrileg behauptet „Jesus war sozusagen der erste Feminist, er wollte, dass die Zukunft seiner Kirche in den Händen von Maria Magdalena liegt!“ (Sakrileg, 340). Dan Brown leitet das aus zwei kurzen Zitaten aus späten Evangelien ab, nach denen sich die Jünger Jesu angeblich darüber beklagt haben sollen, dass Jesus Maria Magdalena mehr geliebt hat als sie! Daraus aber gleich abzuleiten, dass Jesus Feminist war, ist einfach unwissenschaftlich und absurd, selbst wenn diese zweifelhaften Zitate wirklich historisch wären. Jesus war kein Feminist, aber Dan Brown ist dennoch auf einer richtigen Spur, denn für damalige Verhältnisse hat Jesus Frauen wirklich ganz besonders geachtet. In der antiken Welt, auch unter den jüdischen Rabbinern, wurden Frauen nämlich normalerweise für minderwertige Kreaturen gehalten. Eines der wichtigsten jüdischen Gebete zu Jesu Zeiten begann mit den Worten: „Gepriesen seist du, o Gott, das du mich nicht zu einer Frau gemacht hast.“ Jesus dagegen hat Frauen immer sehr ernst genommen. Er hatte Frauen mit in seinem engsten Jüngerkreis. Er gründete eine kleine Gemeinschaft aus Männern und Frauen, die gemeinsam reisten, gemeinsam studierten, lernten und arbeiteten. Er überraschte seine Jünger regelmäßig mit der Art, wie er mit Frauen sprach, sie lehrte und ihnen zuhörte. Und dies führte unwillkürlich zu der Bildung einer neuen Gemeinschaft, die so niemand bisher erlebt hatte. Paulus schreibt später: „Bei uns Christen ist es egal ob du Jude oder Nichtjude bist, ob du reich oder arm bist, ob du Mann oder Frau bist, wir sind jetzt alle eins, weil wir zu Jesus Christus gehören!“ (Gal 3,28). Das steht im Neuen Testament, weil die Augenzeugen überzeugt waren, dass genau das dem entsprach was Jesus wollte. Und das blieb auch dann noch im Neuen Testament stehen als im 2.Jahrhundert tatsächlich genau das passierte, was Dan Brown sagt. Die Kirche entwickelte sich zu einer rein von Männern geführten Gemeinschaft. Hier gibt es tatsächlich manches kritisch aufzuarbeiten in unserer christlichen Vergangenheit und es ist gut, dass das heute auch gemacht wird und wir so dem wieder etwas näher kommen, was Jesus eigentlich wollte. Nach allem, was wir wissen, wollte Jesus sicher nicht, dass die Urkirche von Maria Magdalena geleitet wird, aber dass Frauen so abgewertet wurden, wie es dann über Jahrhunderte geschehen ist, das war ganz klar auch nicht in seinem Sinne. Insofern legt Dan Brown hier meiner Ansicht nach berechtigterweise den Finger in einen wunden Punkt der Kirchengeschichte.
3. Kommen wir nun noch zum dritten Thema: der JESUSFRAGE: Das Sakrileg behauptet, dass Jesus von seinen Nachfolgern bis ins 4.Jahrhundert nur als sterblicher Prophet angesehen wurde. Ein großer und mächtiger Mann, aber eben nur ein Mensch. Hat das Sakrileg Recht mit der Behauptung, dass die ersten Christen 300 Jahre ganz gut lebten ohne daran zu denken, dass Jesus Gott sei? Historisch gesehen war es tatsächlich so, dass erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 unter der Anwesenheit von Kaiser Konstantin die christlichen Kirchenführer zum ersten Mal proklamierten, Jesus sei mit Gott wesenseins, er sei wirklich Gott! Die Alternative war damals aber nicht, dass er ansonsten nur ein Mensch gewesen wäre (daran hat keiner ernsthaft gedacht), sondern man diskutierte mit den so genannten arianischen Christen darüber, ob man sich Jesus nicht auch als ein sehr, sehr hohes Geistwesen vorstellen kann, das eben nicht genau Gott ist, sondern ein klitze kleines bisschen unter ihm steht, weil man sonst ja eben an zwei Götter glauben müsste, den Jesus-Gott und den Vater-Gott. Kaiser Konstantin holte also 318 Bischöfe der Welt zusammen, damit sie endlich klärten, wie man aufgrund der Augenzeugenberichte richtig über Jesus denken soll. Die Bischöfe diskutierten und stimmten darüber ab (ohne dass Kaiser Konstantin Stimmrecht gehabt hätte!). Dan Brown sagt, es gab dann „eine ziemlich knappe Mehrheit“ (Sakrileg, 321) bei dieser Abstimmung, Das ist eine seltsame Interpretation, denn es waren immerhin 316 der 318 Bischöfe davon überzeugt, dass Jesus nur als wahrer Gott richtig gesehen werden kann. 99,3 %- eine ziemlich knappe Mehrheit. Es ging also im 4.Jahrhundert nie darum, die menschlichen Seiten Jesu irgendwie zu verschleiern. Das Sakrileg sagt, dass vor allem die Ehe von Jesus mit Maria Magdalena vertuscht werden sollte, weil dies ein zu menschliches Licht auf Jesus geworfen hätte. Nach dem Motto: Ein Jesus, der daran gedacht hätte mit einer Frau zu schlafen, der Sex hatte, und ein Kind gezeugt hat, den hätte man nie als göttlich akzeptieren können, und deswegen durfte das nur noch heimlich weitererzählt werden. Dan Brown schreibt, das zur Zeit Konstantins „sämtliche weltliche Aspekte des Lebens Jesu aus den Evangelien gestrichen worden“ waren (Sakrileg, 335). Ich glaube, Dan Brown hat die Evangelien nie wirklich gelesen, denn gerade das Neue Testament beschreibt die irdischen Seiten von Jesus auf besondere Art und Weise. Angefangen von der ganz normalen Geburt in einem Stall über den Durst und Hunger, den Jesus empfunden hat bis hin zu den Schmerzen und dem echten menschlichen Blut am Kreuz. Es ist eher umgekehrt: Manche der späteren Schriften über Jesu Leben – geschrieben von Menschen, die keine Augenzeugen waren – enthalten die seltsamsten Geschichten, die Jesus wenig menschlich aussehen lassen. In einer davon stellt Jesus als kleiner Junge ein paar kleine Vögel aus Ton her. Dann klatscht er in die Hände und sie werden in echte Vögel verwandelt und fliegen weg (Kindheitsevangelium des Thomas 2). In einer weiteren Geschichte (Petrusevangelium, Bruchstück 39) kommt Jesus nach der Kreuzigung aus seiner Grabkammer und wird zu einem Riesen. Hinter ihm folgt ein großes Kreuz, das auf einmal zu sprechen anfängt. Keine dieser Geschichten wurde im Neuen Testament aufgenommen, eben weil sie Jesus nicht so menschlich zeigen, wie er war. Die Christen haben von Anfang an behauptet, dass Jesus ein echter wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut war. Er war so menschlich, dass er sogar sterben konnte! Und ich sage mal: aus theologischer Sicht wäre es auch gar kein Problem, wenn Jesus tatsächlich mit Maria verheiratet gewesen wäre und Kinder gezeugt hätte. Meinetwegen könnten auch heute noch Nachkommen von Jesus leben – was soll das an meinem Glauben verändern? Das Neue Testament präsentiert Jesus nicht als unverheiratet, um seine Menschlichkeit zu verdecken – es präsentiert ihn als unverheiratet, weil er unverheiratet war. Es gibt aus wissenschaftlicher Sicht nicht den geringsten Hinweis in all den Dokumenten die in den ersten 100 Jahren nach Jesus geschrieben worden sind, der besagt, dass Jesus verheiratet gewesen sein könnte, obwohl seine menschlichen Seiten niemals verschleiert worden sind. Dan Brown erweckt mit seinem Roman den Eindruck, dass heute keiner mehr an Jesus glauben würde, wenn man beweisen könnte, dass er ein richtiger Mensch gewesen ist. Aber damit hat die Kirche noch nie ein Problem gehabt. Es wurde sogar auf Konzilien offiziell der ganzen Welt verkündet: Jesus war ein richtiger Mensch, dazu brauchte er noch nicht mal verheiratet gewesen zu sein. Das entscheidende war nur, dass die ersten Christen davon überzeugt waren, dass man nach allen Augenzeugenberichten ihn gleichzeitig auch als wahren Gott sehen muss. Das fängt schon im Neuen Testament an, wenn Paulus um das Jahr 50 schreibt: „In Jesus ist die ganze Fülle Gottes leibhaftig!“ (Kol 2,9) und es zieht sich durch bis schließlich im 4.Jahrhundert auch die letzten Zweifel offiziell ausgeräumt werden. Aber wie soll man sich das vorstellen, dass da vor 2000 Jahren ein echter Mensch in Israel gelebt hat, der gleichzeitig in vollem Sinne des Wortes Gott war – und ist bis heute!? Dieser Jesus bleibt geheimnisvoll. Wer sich ernsthaft mit den Augenzeugenberichten über ihn auseinandersetzt, der bekommt viele Fragen und vielleicht erstmal nur wenige Antworten, aber das ist gar nicht schlimm. Die ersten Christen wurden einmal als „die bezeichnet, die auf dem Weg sind“. Wir sind gemeinsam unterwegs und nähern uns diesem Jesus-Geheimnis, indem wir gemeinsam unsere Zweifel und Fragen klären. Und auf diesem Weg empfinde ich das Sakrileg als einen netten Roman, der einen dazu inspiriert, sich noch einmal darüber klar zu werden, auf welcher Grundlage wir Christen sind. Vorhin haben wir die Worte des Augenzeugen Johannes gehört, der als alter Mann im Gefängnis saß und an die Gemeinden schrieb: „Vom ersten Tag an nahmen wir alles aufmerksam auf. Wir haben Christus mit unseren eigenen Ohren gehört. Wir haben ihn mit unseren eigenen Augen gesehen. Wir haben ihn mit unseren eigenen Händen berührt, ihn, der uns das Leben gebracht hat. Wir sahen ihn. Wir hörten ihn. Und nun erzählen wir es euch, damit ihr es mit uns erleben könnt – das Erlebnis der Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“ Johannes sagt: „Dies passierte wirklich. Dies sind keine Märchen. Dies ist nicht irgendeine nette Geschichte. Ich war dabei. Ich hörte Ihn. Ich kannte Ihn. Ich sah Ihn, und ich bin bereit im Gefängnis für ihn zu sterben.“ Und jeder kann heute für sich selbst die Zuverlässigkeit der Evangelien nachprüfen, indem man einfach anfängt das ernst zu nehmen, was darin über Jesus berichtet wird. Seit 2000 Jahren kommt die Menschheit nicht von diesem Jesus los, und zwar nicht deshalb weil einmal ein gerissener römischer Kaiser einen hingerichteten Juden mir nicht dir nichts zum Gott erklärt hat, sondern weil in Jesus ein Geheimnis steckt. Und dieses Geheimnis ist nicht, dass er eine Beziehung zu Maria Magdalena gehabt hat, sondern dass wir alle durch Jesus heute noch eine Beziehung zu Gott finden können. Ich wünsche uns, dass dieses echte Jesus-Geheimnis uns immer tiefer erschlossen wird, und ich fände es schön, wenn wir gemeinsam diesem Geheimnis immer mehr auf die Spur kommen.
Dr. Frank Lüdke
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