Das Stoppschild
Stell dir vor du fährst zur Arbeit und siehst ein Stoppschild. Was machst
du?
Das hängt ganz davon ab, wie du das Stoppschild interpretierst.

..

1. Ein Postmodernist baut das Schild ab (fährt es mit seinem Auto um),
um für immer die Tyrannei des Nord-Süd Verkehrs über den Ost- West
Verkehr zu beenden.

2. Ähnlich weigert sich der Marxist anzuhalten, weil er das Stoppschild
als ein Instrument des Klassenkonflikts sieht. Er schliesst, dass das
Bürgertum die Nord-Süd Strasse benutzt und damit den Fortschritt der
Arbeiterklasse der Ost-West Strasse behindert.

3. Ein ernsthafter und gebildeter Katholik fährt einfach über die Kreuzung
weil er glaubt, dass er das Stoppschild nicht ausserhalb seines Kontextes,
seiner Umgebung und seiner Tradition verstehen kann. Weil er sieht,
dass die Umgebung das Schild nicht zu ernst nimmt, fühlt er sich ebenfalls
nicht gezwungen es allzu ernst zu nehmen.

4. Der Durschnittskatholik (oder Orthodoxe oder Anglikaner oder Methodist
etc.)
interessiert sich nicht dafür, das Schild zu lesen, aber er hält an,
wenn
das Auto vor ihm anhält.

5. Ein evangelikaler Fundamentalist nimmt den Text sehr wörtlich. Er hält
am Stoppschild an und wartet darauf, dass es ihm sagt, er solle
weiterfahren.

6. Ein auf einem Seminar ausgebildeter evangelikaler Prediger schaut
vielleicht in seinen deutschen und englischen Lexika nach und findet
heraus,
dass STOP bedeuten kann:1) etwas, das Bewegung verhindert, z.B. ein
Türstopper. 2) Bus-Stop als einen Ort, an dem der Bus seine Fahrgäste
aussteigen lässt. Der Hauptpunkt seiner Predigt am Sonntag über diesen
Text ist folgender: Wenn man ein Stoppschild sieht, ist das ein Ort, an dem
der Verkehr normalerweise gestoppt oder behindert ist. Deswegen ist dort
ein guter Ort um Fahrgäste aus dem Auto aussteigen zu lassen.

7. Ein orthodoxer Jude tut eines der folgenden Dinge:
a) Er nimmt einen anderen Weg, der kein Stoppschild hat. So muss er
kein Risiko eingehen das Gesetz zu übertreten.
b) Er hält am Stoppschild an und sagt: "Gelobt seist du, Herr, Gott, König
der Welt, der du uns das Gebot gegeben hast, anzuhalten". Dann wartet
er 3 Sekunden nach seiner Uhr und fährt weiter. Im Übrigen macht der
Talmud die folgenden Bemerkungen über das Thema:
R[abbi] Meir sagt: Wer nicht am Stoppschild anhält wird nicht lange leben.
R. Hillel sagt: Verflucht ist, wer nicht auf drei zählt, bevor er
weiterfährt.
R. Simon ben Juda sagt: Warum drei? Weil der Heilige, gelobt sei er, uns
das Gesetz, die Propheten und die Schriften gab.
R. ben Isaak sagt: Wegen den drei Patriarchen. R. Jehuda sagt: Warum
den Herrn loben am Stoppschild? Weil geschrieben steht "Seid still und
erkennt, dass Ich Gott bin". R. Hesekiel sagt: Als Jeftah vom Sieg gegen
die Ammoniter zurückkam, wusste der Heilige, gelobt sei er, dass ein Esel
aus dem Haus gerannt kommen würde und seine Tochter überholen
würde.
Aber Jeftah hat am Stoppschild nicht angehalten, und der Esel hatte keine
Zeit, aus dem Stall herauszukommen. Aus diesem Grund sah er seine
Tochter zuerst und hat sie verloren. So wurde er für seine Übertretung am
Stopschlid bestraft. R. Gamaliel sagt: R.
Hillel sprach niemals ein Wort als er ein Baby war, auch wenn seine Eltern
versuchten, ihm das Sprechen beizubringen und ihm Wörter auf einer
Schriftrolle zeigten. Eines Tages fuhr sein Vater durch die Stadt und hielt
nicht am Stoppschild an. Der kleine Hillel
schrie: "Halt an, Vater!" Auf diese Art begann er zu lesen und zu sprechen
gleichzeitig. So steht geschrieben: "Aus dem Mund der Kinder!. R. ben
Jakob sagt: Wo kam das Stoppschild her? Aus dem Himmel, denn es
steht geschrieben: "Für immer, oh Herr, steht dein Wort im Himmel fest".
R. Ben Nathan sagt: Wo wurden die Stoppschilder hergestellt? Am vierten
Tag, denn es steht geschrieben: "Lass sie als Zeichen dienen".
R. Jeschua sagt [wird noch drei Seiten so fortgeführt]

8. Ein Lubawitscher Rabbi tut das Gleiche wie ein Orthodoxer Jude,
ausser dass er 10 Sekunden anstatt 3 wartet. Es tauscht auch seine
Bremslichter mit 1000 Wattbirnen aus und verbindet seine Hupe damit.
Auf diese Art hupt sie jedes Mal, wenn er das Bremspedal berührt.
Er arbeitet auch die Gematria von shin-tav-pe (S-T-(O)-P) heraus und
meint dass Rabbi Schneerson, in gesegneter Erinnerung, als Messias
auferstehen wird nachdem er an dieser Kreuzung 780 Mal angehalten
hat.

9. Ein Gelehrter vom Jesus Seminar schliesst, dass die Stelle "STOP"
unzweifelhaft nie von Jesus selbst geäussert worden sein kann. Denn
Jesus, als progressiver Jude, wollte niemals den Fortschritt der
Menschen behindern. Deswegen kann STOP eine Einfügung in den
Text sein, die zu Phase III der Evangeliumstradition gehört und die
entstand, als die Kirche das erste mal mit Verkehrsbehinderungen an
ihren Parkplätzen konfrontiert war.

10. Ein Neutestamentler stellt fest, dass es kein Stoppschild auf der
Markusstrasse gibt, sondern nur auf der Matthäus- und der Lukasstrasse.
Er schliesst daraus, dass die Stoppschilder auf der Matthäus- und der
Lukasstrasse Kopien eines Schildes auf einer Strasse namens "Q" sind,
die nie irgend jemand gesehen hat. Es gibt eine herausragende, 300
Seiten umfassende Dissertation über den Ursprung dieser Stoppschilder
und die Unterschiede zwischen den Schildern auf der Matthäus- und der
Lukasstrasse. Es gibt nur ein Problem, nur eine Kleinigkeit, die in dem
Kommentar zur Textstelle fehlt. Er erklärt nicht die Bedeutung des Textes!

11. Ein Alttestamentler streicht heraus dass es eine grosse Anzahl an
stilistischen Unterschieden zwischen der ersten und der zweiten Hälfte
der Textstelle "STOP" gibt. Zum Beispiel, "ST" enthält keine
eingeschlossenen Bereiche und 5 Linienenden, wobei "OP" zwei
eingeschlossene Bereiche und nur eine Linienendung hat. Er schliesst
daraus, dass der Autor des ersten Teils der Textstellen ein anderer als
der des zweiten Teils sein muss und vielleicht Hunderte von Jahren nach
diesem gelebt hat.
Spätere Gelehrte bestimmen, dass die zweite Hälfte genaugenommen
von zwei unterschiedlichen Autoren geschrieben wurde, und zwar wegen
ähnlichen stilistischen Unterschieden zwischen "O" und "P".

12. Ein weiterer bekannter Alttestamentler merkt in seinem Kommentar an,
dass das Stoppschild viel besser in den Kontext von drei Strassen weiter
hinten passen würde (leider hat er in seinem Kommentar vergessen zu
schreiben warum). Ganz eindeutig wurde es an seinen neuen Platz erst
durch einen späteren Redakteur versetzt. Er behandelt das Kapitel
deswegen so, als wenn das Stoppschild nicht da wäre.

13. Wegen der Interpretationsschwierigkeiten meint ein anderer
Alttestamentler,
das "T" zu "H" ändern zu müssen. "SHOP" ist viel leichter
verständlich in diesem Kontext als "STOP", denn in der Gegend gibt es
eine Menge von Geschäften. Diese Textänderung fand wahrscheinlich
statt, weil "SHOP" sich ähnlich wie "STOP" schreibt, das einige Strassen
vorher vorkommt. Es ist deswegen ein ganz natürlicher Fehler, der dem
Schreiber passiert sein kann. Das Schild sollte deswegen interpretiert
werden als ob es die Existenz einer "Shopping Area", eines
Einkaufszentrums ankündigt. Falls das stimmt, könnte das darauf
hinweisen, dass beide Bedeutungen Gültigkeit haben, deswegen können
die beiden Bedeutungen zusammengeschoben werden und ergeben die
Message: "STOP (AND) SHOP".

14. Ein "prophetischer" Prediger bemerkt, dass die Quadratwurzel der
numerischen Werte der Buchstaben S-T-O-P, mit 40 multipliziert (die
Zahl der Versuchung), und durch vier geteilt (die Zahl der Welt - Norden,
Süden, Osten, Westen), 666 ergibt. Deswegen schliesst er, dass
Stoppschilder das "Zeichen des Biestes" sind, ein Vorläufer göttlichen
Gerichts über die Welt. Sie müssen deswegen um jeden Preis vermieden
werden.

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